argumente

Deutsche Exportstärke – schlecht für Europa?

Die hohe Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft und die Leistungsbilanzüberschüsse erfahren im In- und Ausland seit Jahren Kritik:
  • Deutschland setze einseitig auf den Export und tue zu wenig für seine Binnennachfrage, insbesondere für den privaten Konsum.
  • Mit der moderaten Lohnpolitik betreibe Deutschland „Dumping“ bei den Lohnstückkosten, überflute die Märkte anderer Euro-Länder und dränge diese dadurch an den Rand.
In der Corona-Krise kritisierten andere EU-Mitgliedsländer vielfach das hohe Volumen der von der Bundesregierung in die Wege geleiteten Unterstützungsmaßnahmen für die Wirtschaft, da dies die Möglichkeiten der meisten anderen Staaten übersteige. Deutschland hat sich jedoch aktiv für eine europäische Lösung zur Überwindung der Krise eingesetzt und war zu bemerkenswerten Zugeständnisse bereit, um die EU als Ganzes zu stärken. Die weitere Entwicklung der exportorientierten deutschen Wirtschaft ist eng an das Vorhandensein starker Handelspartner gekoppelt. Umso wichtiger ist vor diesem Hintergrund die schnelle Einigung auf ein EU-Wiederaufbauinstrument.

Irrtum: Deutschland leidet an Konsumschwäche.
  • Die aktuelle Situation ist durch den mit der wochenlangen Corona- Lockdown geprägt, der eine ausgeprägte Rezession nach sich zieht. Anders als in vorangegangenen Krisen konnte der private Konsum dieses Mal nur bedingt stabilisierend wirken. Nach einem kräftigen Einbruch um 5,5 % im laufenden Jahr rechnet der Sachverständigenrat aber schon 2021 mit einem deutlichen Anstieg um 4,7 % (SVR, Konjunkturprognose 2020 und 2021). Für 2021 wird mit einem Beitrag der Konsumausgaben von 2,9 Prozentpunkten zum BIP-Wachstum gerechnet – deutlich stärker als der des Außenhandels mit 1,3 Prozentpunkten. Das wäre eine Rückkehr zur Entwicklung der Vorkrisenjahre, in denen das Wirtschaftswachstum in Deutschland maßgeblich vom privaten Konsum getragen wurde.
  • Das Konjunkturprogramm der Bundesregierung aus dem Juni 2020 beinhaltet u.a. mit der zeitlich befristeten Absenkung der Mehrwertsteuersätze entscheidende Instrumente für eine Wiederbelebung des Konsums. Von zentraler Bedeutung wird es sein, auch in der Krise gute Rahmenbedingungen für eine robuste Beschäftigungsentwicklung zu gewährleisten.

Fakt: Deutsches Exportwachstum findet vor allem außerhalb des Euroraums statt.
  • Die deutschen Exporte in die Partnerländer der Eurozone sind zwar seit Einführung des Euros gewachsen, allerdings verlief der Export in Drittländer wesentlich dynamischer.
  • Im Jahr 2018 wurden in die Eurozone Waren im Wert von rd. 492 Mrd. € geliefert. Drittländer, die weder der EU noch der Eurozone angehören, bezogen im gleichen Jahr Waren im Wert von rd. 539 Mrd. € (Destatis, 2019).

Fakt: Deutschland importiert immer mehr aus Euro-Ländern.
  • Deutschlands Warenimporte aus Ländern der Eurozone haben im Verlauf der letzten Dekade deutlich zugenommen.
  • Die deutschen Importe aus Euro-Ländern lagen zum Jahresende 2018 um 31,8 % höher als vor der Rezession Ende 2007 (Destatis, 2019).
  • Nur weil die Importe aus der übrigen Welt noch stärker zugenommen haben, ist der Anteil der Euro-Länder an den Importen Deutschlands von 44 % im Jahr 2007 auf 37,2 % im Jahr 2018 gesunken (Destatis, 2019).
  • Immer mehr deutsche Betriebe importieren Vorleistungsgüter aus anderen Euro-Ländern. Da mehr und mehr Endprodukte anschließend in Schwellenländer exportiert werden, ziehen auch die Partnerländer der Eurozone einen Nutzen aus den deutschen Exporten. Somit geht von Deutschlands Exporten eine Sogwirkung auf die Importe aus anderen Euro-Ländern aus. Steigen die deutschen Exporte um 10 %, nehmen die Vorleistungsausfuhren der EU-Partner nach Deutschland um rd. 9 % zu (IW Köln, 2013).
  • Die globalisierte Wirtschaft ist stark geprägt von globalen Wertschöpfungsketten. Der Anteil ausländischer Vorleistungen an den Exporten Deutschlands beträgt rd. 40 % (Destatis, 2019).

Fakt: Handelspartner profitieren direkt von deutschen Ausrüstungsgütern.
  • Typischerweise exportiert die deutsche Wirtschaft hochwertige Investitionsgüter wie Maschinen und Anlagen. Dadurch steigt das Produktionspotenzial im Ausland.
  • Obwohl Deutschland ein sehr hohes Arbeitskostenniveau aufweist, welches rd. ein Drittel über dem EU-Durchschnitt liegt, konnte die Qualität der Produkte offenbar überzeugen (Eurostat 2019).

Irrtum: Deutsche Wettbewerbsstärke drückt die Euro-Partner an den Rand.
  • Die Einfuhren aus den wichtigsten Euro-Partnerländern haben sich zwischen 2007 und 2018 stark erhöht.
  • Die deutschen Tarifparteien haben in den letzten Jahren darauf geachtet, dass die Löhne grundsätzlich nur so stark steigen, wie sich die Produktivität verbessert. Andere Länder der Eurozone haben in der Vergangenheit diesen Grundsatz nicht beachtet und damit ihre Wettbewerbsfähigkeit selbst geschwächt.

Deutsche Warenexporte in die Euro-Länder


Quelle: Statistisches Bundesamt, 2020


Publikation downloaden

Ansprechpartner

BDA | DIE ARBEITGEBER
Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände

Volkswirtschaft | Finanzen | Steuern
T +49 30 2033-1950
August 2020